Die Arbeiten von Hans Mendler - Eine Einführung von Christiane Ossowski

Restfigur

Vor 3 Jahrzehnten – am Beginn des künstlerischen Weges von Hans Mendler – finden sich in seinen expressiv abstrakten Bildern zeichnerische Fragmente von menschlichen Figuren oder von Gegenständen – wage Anspielungen auf eine reale Welt, die nicht völlig der Lust am Spiel mit den Farben zum Opfer gefallen waren.

War es der Zeitgeist der Abstraktion, der am Ende der 1970er Jahre alles Figürliche, Abbildende in der Malerei unter Generalverdacht stellte oder Mendlers Begeisterung für die gestische Malerei eines Willem de Kooning und die schriftzugartigen Zeichen auf den Leinwänden von Cy Twombly, die ihn nachfolgend mehr und mehr in die gegenstandslose Malerei führten? Es mag eine Mischung vieler Einflüsse gewesen sein.

Auffällig ist jedoch, dass die von ihm selbst so bezeichnete „Restfigur“ immer wieder in seiner Bildwelt auftaucht. Besonders seine Skizzenbücher zeugen von der Kraft visueller Erfahrungen, die Mendlers Bildfantasie befeuert und in farbintensiven Bildern Auferstehung gefeiert haben. Diese Skizzenbücher leben vom freien Spiel mit Farben und Formen der realen Welt, von der Spontaneität und Unbekümmertheit ihrer Umwandlung in vielschichtige Zeichen.

Neben figürlichen Motiven zeigen sie in schönem Einklang die gegenstandslosen Bildfindungen, genau so, wie es diese beiden Pole auch in der großformatigen Malerei auf Leinwand gibt.

 

Figuren aus Holz

Mitte der 1990er Jahre drängt die reale Welt neben der abstrakten Malerei in Hans Mendlers Schaffen ein. Es sind Fundstücke, häufig aus alten Häusern, oder auf Flohmärkten entdeckt, die teils zu poetischen, teils komischen Objekten zusammengefügt einen Kontrapunkt zu den leuchtenden Farbflächen seiner abstrakten Leinwände setzen. Bis heute liebt er solche geschichtsträchtigen Zeitzeugen, wie die neuen übermalten Collagen mit Spielkarten und Pflanzen aus altern Herbarien zeigen.

Der Auseinandersetzung mit den Fundstücken folgte das Holz als Werkstoff, das ihm sowohl Balken und Treppenstufen aus alten Fachwerkhäusern, aber auch verschiedenartige Baumstämme liefern. Er bearbeitet die Hölzer virtuos – wie andere Künstler vor ihm, aber in unverkennbar eigener Handschrift  – mit der Kettensäge, nicht mit dem feinen Stecheisen. Trotzdem überraschen die Skulpturen mit gerundeten Oberflächen neben scharf kantigen Formen. Anschließend werden die Holzskulpturen farbig gefasst. Obwohl die Gesichter und Gliedmaßen seiner Figuren eindeutig auf menschliche Wesen hinweisen sind sie gleichzeitig nicht weniger zeichenhaft und rätselhaft als die skizzenhaften „Restfiguren“ seiner Anfänge. Ganz unmittelbar stacheln sie die Fantasie des Betrachters an, der sich erst einmal seinen eigenen Reim darauf machen muss. Das schmunzelnde Mädchen, der ernste Harlekin und der Ohrenmann mit Kauz sind die neuesten Erfindungen und bereichern die große Schar von manchmal verspielt humorvollen, manchmal anrührend ernsten Gestalten, die Hans Mendler als wahren Menschenfreund ausweisen.

 

Figur und Ornament

Mir scheint, dass sich Hans Mendler lange gewehrt hat, als die Gestalten seiner Holzskulpturen auch auf die Leinwand drängten. Zu groß war wohl die Sorge, mit allzu gefälligen und erzählenden Motiven seinen eigenen Maßstäben an die Malerei nicht zu entsprechen. Außerdem wollte er nicht – wie viele andere – auf den Erfolg versprechenden Zug der neuen Figuration Leipziger Prägung aufspringen. In mehreren Werkgruppen, die immer wieder von längeren Phasen abstrakten Arbeitens unterbrochen wurden, erforschte er im Folgenden verschieden Möglichkeiten figürlicher Malerei. In seinen neuen Bildern konzentriert er sich auf die Kraft der farbigen Linie, die er intuitiv und mit leichter Hand kreisend erzeugt, indem er mit vollem Körpereinsatz die Farbtuben auf der Leinwand ausdrückt. Dabei entstehen mehr oder weniger dichte, vielfarbige, ornamentale Liniengespinste, aus denen sich Stück für Stück Gesichter, Gliedmaßen, Tiere und rudimentäre Landschaften heraus kristallisieren.

Einer Spinne gleich webt der Maler ein Netzwerk. Netze in doppeltem Sinne, einmal suggerieren sie Halt und Festigkeit, gleichzeitig umfangen sie ihre Opfer, um sie zu töten. Auf diese Weise wird die ländliche Idylle einer Hirtin mit Ziegen und einer Bäuerin mit einer schwarzen Katze durch das rautenförmige Netz aus roten, gelben und weißen Linien der erdenschweren Realität enthoben. Keimende Blumenzwiebeln, die über die ganze Bildfläche verstreut sind, zeugen von neuem Leben. Die Schönheit und Kraft der ländlichen Welt, die Faszination der weiblichen Fruchtbarkeit gewinnen in dem Linienornament eine träumerische Leichtigkeit und sind gleichzeitig ein Sinnbild der Zwangsläufigkeit von Werden und Vergehen.

Wenn in einer anderen Komposition ein junges Paar fast vollständig in vielfarbigen Linienteppich verschwindet, nennt der Maler das Bild „Karma“. Zwei ernste Physiognomien gemahnen an die Tragik des Adam-Eva-Paares, das hier nicht von einer biblischen Schlange verführt wird sondern nach einem Weg in einer unübersichtlichen Welt sucht. Ob die beiden überirdischen Wesen im Hintergrund dabei hilfreich sein können, bleibt offen. Selbst dann, wenn die allegorische Qualität dieses Bildes keine Beachtung findet, wirkt umso stärker die ausweglose und gleichzeitig faszinierend farbenprächtige Welt nach.

Karg im Farbauftrag und streng steht im Kontrast dazu das Bild der beiden Gralshüter. Unbewegt und barhäuptig, abgewandt von der Welt starren die beiden Figuren auf ein kleines Gebilde, das ihre ganze Aufmerksamkeit gefangen nimmt. Nichts kann sie ablenken von ihrem rätselhaften Gral. Folgerichtig sind die Farben fast völlig aus ihrer Welt verschwunden.

Einer dieser Gralshüter taucht noch einmal auf in dem Selbstbildnis des Malers am Ufer der Donau. Dieser mächtige Fluss hat Hans Mendler seit seiner Kindheit in Ulm als Sehnsuchtsort begleitet. Heute kann er im ungarischen Dunaszekcsö wieder viel Zeit an seinem Ufer verbringen. Das karge Weiß und Grau der Gralshüter ist in dem Selbstbildnis einem kräftigen Rot und Blau gewichen. Zurückgeblieben von dem Gralsbild ist jedoch die weiße Linie, die den Körper mit den mächtigen Malerhänden umreißt und die vieldeutige weiße Stirn – ein Bild über den Farbrausch und die Kontemplation im Werk Hans Mendlers.

 

Die Kunst aus Kunst

Immer wieder haben Kunstwerke anderer Epochen die später geborenen Künstler inspiriert. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen, regten Porträts Lucas Cranachs Picasso zu eigenen Gemälden und Grafiken an. Dabei verblüfft nicht selten eine überraschende Kombination von Künstlern über die Zeiten hinweg.

Bei Hans Mendler war es eine unerwartete Begegnung im Pariser Louvre mit den Bildnissen des Rokokomalers Jean-Honoré Fragonard. Von der Farbenpracht, der Formenfülle und dem heiteren Lebensgenuss dieser Menschenbilder aus dem 18. Jahrhundert ging eine derartig suggestive Kraft aus, dass im Folgenden in Mendlers Atelier eine ganze Werkgruppe entstanden ist, vorzugsweise in Hinterglasmalerei. Diese handwerklich aufwendige Schichtmalerei hinter Glas ist besonders geeignet, Leuchtkraft und Tiefe zu erzeugen. Dazu ist eine rege Vorstellungskraft von Nöten, denn die zu erst aufgebrachte Malschicht entspricht in der Malerei auf klassischen Bildträgern dem letzten finalen Farbauftrag. Der Maler muss daher von Anfang an, in umgekehrter Reihenfolge, die Wirkung aller später aufgetragenen Farbschichten mitdenken.

Mendlers typischer expressiver Farbauftrag nimmt Bezug auf Fragonards lockere Malweise, verstärkt diese noch und erzeugt hinter Glas Porträts, die zwar noch eindeutig auf das Vorbild verweisen gleichzeitig jedoch eine unverkennbare Modernität auszeichnen. Jahrhunderte werden lustvoll übersprungen und ein Menschenbild gefeiert, das alltägliche Monotonie und Konformität in Frage stellt.

 

Das Spiel mit dem Spiel

Es gibt kaum ein schöneres Gesellschaftsspiel, als einen Blick in die Zukunft zu werfen, ob man nun in den Sternen und den Linien der Hand zu lesen versucht oder übernatürliche Kräfte beim Wurforakel anruft. Das Wahrsagen erfreut sich auch in der Moderne anhaltender Beliebtheit. Manchmal sind dafür Karten hilfreich – wie im Fall der zweisprachig ungarisch-deutschen Karten, die Hans Mendler neben einem alten Herbarium auf Flohmärkten in der ungarischen Provinz entdeckt hat.  Die Karten versetzen den Betrachter in die längst vergangene Zeit der Großeltern, als ein „Blonder Mann“, eine unerwartete „Begegnung“, eine „Herzenskönigin“, eine „Gefahr“ oder „Schlechte Nachricht“ als zart koloriertes Menetekel oder Glücksversprechen aus einem Stoss Karten gezogen wurden.

Dabei spielte der Zufall eine ebenso große Rolle, wie nun in den Hellsehereien von Hans Mendler, der die Karten mit getrockneten Pflanzen kombiniert und anschließend mit leicht hin gesetzten Farbflächen versieht. Wie häufig in seiner Kunst werden scheinbar wertlose Dinge mit einer neuen Bedeutung aufgeladen.

Drei Welten treffen aufeinander: Menschen mit ihren Kabalen, die Schönheit natürlicher Pflanzen und die frei imaginierten Farben. Die fantasievollen Bilder fordern den Betrachter auf, mit zu machen in dieser Welt des naiven und zugleich variantenreichen, tiefsinnigen Spiels.

Christina Ossowski
Juli 2013